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Kolumne: Obacht, die Bayern kumma

Die neue Kolumne von Lothar Glauch. Was ein Theaterstück auf dem Helmholtzplatz so anrichten kann

Lothar Glauch, geboren 1971 in Erlangen
Abitur, Zivildienst beim Diakonischen Werk Erlangen, zahlreiche Reisen mit längeren Aufenthalten, u.a. nach Neuseeland, Australien, Indonesien
Studium der Germanistik und Kulturwissenschaft in Berlin / Ausbildung im Internet-Publishing Verschiedene Tätigkeiten u.a. als Journalist, Redakteur, Lektor, Grafiker
und jetzt Kolumnist bei www.kiez-lebendig.de

Foto:© Jacqueline Sorrer

Obacht, die Bayern kumma!

Niemand entkommt seinen Wurzeln, nicht einmal der Kolumnist von Kiez-Lebendig. Im Fränkischen, wo ich aufgewachsen bin, wurden die Bayern immer als
Besatzungsmacht verstanden. Ähnlich müssen sich viele ostberliner Edelpreußen lange Zeit von den Sachsen unterjocht gefühlt haben, oder irre ich mich? Jetzt
aber lehren die Bayern selbst den fernen Preußen das Fürchten!

Eigentlich sind die Bayern ein sehr heimatverbundenes Volk. "Mir san mir" heißt auch soviel wie "Mir blaim hier". Auch die Bayern lieben ihre Scholle, und der
Weißwurstäquator läuft bekanntermaßen schon an der Donau entlang. Demnach bin selbst ich als alter Franke ein Preuße, beziehungsweise ein "Saupreiß".

Ich will nun nicht so weit gehen und behaupten, dass mich die Bajuvaren ins Exil vertrieben hätten. Aber vermisst hab ich sie keinen Tag in Berlin. Lange Zeit
hat man hier nichts von ihnen gehört. Die Schwaben blieben die einzige süddeutsche Volksgruppe, die sich in der neuen Hauptstadt breitmachten, besonders gerne
rings um den Kollwitzplatz. Dass die Bayern jetzt in geschlossener Formation in Berlin einrücken, ist ein Phänomen der ganz besonderen Art.

Gut in dieses Bild passt da der große Erfolg der Off-Theater-Gruppe "Strich". Sechs Mal haben sie ihr Freiluft-Theater am Helmholtzplatz aufgeführt, sechs
Abende lang sorgte eine Blasmusik-Kapelle für bayrische Bierzeltstimmung, dazu gabs Fressbuden und Bierbänke mit original bayrischen Spezialitäten.
"Mann ey, riecht das verbrannt!" monierte mancher Besucher irritiert - dabei wars nur das Sauerkraut, das der preußischen Nase anscheinend nur wenig vertraut ist.
Vermisst hab ich hier eigentlich nur Weißwürschterl mit Senf ...

Alle einschlägigen Presseorgane waren zugegen und haben das Spektakel gelobt, die Vorstellungen waren allesamt bestens besucht. Man sah sogar gediegene
Zehlendorfer Ehepaare herumflanieren, die sich für ihre eigene Weltoffenheit rühmten: "Eigentlich gehen wir nie im Osten aus!" Ja, ja, die weißblaue Raute
machts möglich! Da wird’s dem Exil-Franken freilich ein bisserl mulmig. Die bevorstehende Bundestagswahl tut das Ihrige.

Vielleicht kündigt sich sogar eine neue Völkerwanderung an? In letzter Zeit häuften sich die Wegzüge im Freundeskreis, mancher Berufsstarter tritt überraschend einen Job im Münchner Land an. Auch Frank Steffel hat sich über Bayerns Städte lobend geäußert, während der neue CDU-Frontmann Christoph Stölzl wiederum aus dem Süden stammt. Auch in der Politik werden also zwischen Isar und Spree fleißig
Wechselabsichten bekundet.

Vielen Münchnern allerdings missfällt das Kodderschnäuzige und die mitunter barbarische Fundamentalopposition. Das bekam Edmund Stoiber voriges Jahr am eigenen Leib zu spüren. Bei einer CDU-Veranstaltung auf dem Alexanderplatz flogen im letzten Jahr Naturalien. Frank Steffel versuchte sich hinter dem schmalen Rücken von Edmund Stoiber zu verstecken. Stoiber war derlei Missverhalten
unbekannt. Verwechselte man ihn etwa mit Oliver Kahn?
Ab diesem Tag hörte man von ihm heftige Bedenken gegen die Kanzlerkandidatur. Erst als Angela Merkel zu Kreuze kroch, ließ er sich überreden, den Hauptstädtern den Affen zu machen. In Berlin zeigt er sich dennoch eher selten. Komisch, oder?

Während man in Berlin als Volkssport die Politiker jagt, so hetzt man in Bayern die Underdogs. Davon jedenfalls handelte das Stück der Off-Theatertruppe,
die "Jagdszenen aus Niederbayern" von Martin Sperr. Ein Soziodram, in dem alle Figuren gleichermaßen verwerfliche Charaktere sind, eine Rotte von Voyeuren.
Weil das bayrische Land so übersichtlich ist, brauchts hier keine Stasi, hier ist die Moral noch problemlos untereinander regulierbar.
Ach, die Moral! Selbst auf dem Land gibt’s ein paar Hallodris. Die werden dann so
lange von den selbsternannten Saubermännern und Sauberfrauen gejagt, bis sie alle Viere von sich strecken. Brisanterweise gehen unter diesem äußeren Druck die Outlaws aufeinander los, anstelle sich gemeinsam gegen ihre Unterdrücker zu wehren.

Im Frankenland sagt man so schön: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
Das gilt vielleicht auch für die Freaks, die sich auf dem Helmholtzplatz versammeln.
Hier kristallisiert sich ein immer kurioseres Soziotop heraus.
Man glaubt gar nicht, wie viele Verrückte, Skinheads, Dealer, Junkies, Alkoholiker und andere mehr oder weniger gescheiterte Existenzen ausgerechnet diesen eigentlich stinknormalen Platz versammeln. Ob es Wasseradern gibt, die tief unter dem Platz entlanglaufen? Kosmische Energien? War Erich von Däniken auch schon hier? Eines ist jedenfalls sicher:
Freibier gibts hier keines.

Die Schauspieler der Off-Theater-Truppe hatten übrigens mit diesen Freaks ihre liebe Mühe: Ein ums andere Mal drängte sich ein Besoffener unter die Schauspieler und trug seinen ureigensten Wahn zum Spektakel bei. Was soll das? Sind wir hier beim Mitspieltheater? fragte sich mancher Zuseher. Wer gehört nun dazu und wer nicht? Hier wurde endlich einmal das nachgespielt, das die Outlaws selbst Tag
für Tag erleben oder selbst als Reality-Theater produzieren: Voyeurismus und Exhibitionismus, Wahnsinn und Verbrechen.
Auf dem Platz gibts keinen Privatmann.

Man konnte den Eindruck gewinnen, diese Mischung aus Freiluft- und Straßentheater grabe die griechischen Wurzeln des Theaters wieder aus. Damals gings um Katharsis, Ekstasis und andere extreme Leidenschaften,
die auf -sis enden.
Und damals gabs auch einen Chor, der zumeist vom versammelten Publikum gebildet wurde und als Pausenfüller für gute Laune sorgte. Mit den Leidenschaften klappt es heute schon bestens - nur das Singen muss der Chor anno 2002 noch üben.

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